GURUDEV 1977

Das Ziel des Lebens

Das Ziel des menschlichen Lebens ist, das Ufer der Unsterblichkeit zu erreichen, wofür der menschliche Körper sozusagen als Boot benutzt wird. In diesem Boot muß das Meer von Leben und Tod überquert und Unsterblichkeit erlangt werden. Dies wird nur durch Erkenntnis des Selbst erreicht und fällt dem Menschen nicht leicht, da er im Dschungel der Materie, in Körper und Verstand, gefangen ist. Für den Unwissenden ist der Körper das Selbst, für den Gebildeten scheint das Ego das Selbst zu sein. Unnötig zu erwähnen, daß sich beide täuschen.

Die verschiedenen Wellen, die im Organ der Erinnerung citta auftauchen, verdecken das Selbst. In diesen Wellen wird nur ein schemenhaftes Bild vom Selbst wahrgenommen. Die Wellen symbolisieren samskara, d.h. alle gespeicherten Eindrücke unserer Taten. Die wahre Natur des Selbst kann nicht enthüllt werden, solange auch nur eine einzige Welle das Wasser des citta-Sees trübt. Sobald sich alle Wellen gelegt haben, erreicht der Meditierende Nirvikalpa-Samadhi, den samenlosen, ursachlosen Zustand. Dieses Stadium ist erreicht, wenn Handlungen im Unterbewußtsein keine Eindrücke mehr bilden und somit aufhören, den Menschen zu binden. In diesem Zustand sind alle Schleier gehoben, und man nimmt das Selbst in seiner eigenen Herrlichkeit erstrahlend wahr. Man erkennt, daß das Selbst keine Summe von Einzelteilen ist. Es ist der ewig bestehende Urgrund allen Seins. Als solcher kann Es weder geboren werden, noch kann Es sterben. Es ist unsterblich und unzerstörbar, die ewige Essenz der Intelligenz.

Ununterbrochener Wechsel charakterisiert das Leben auf dieser Erde. Die Bhagavad Gita spricht von der Welt als Hort des Elends, flüchtig und voller Unglück. Die alten Weisen erklärten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, daß es »nur eine Wahrheit gibt« und das Ziel des menschlichen Lebens Erkenntnis dieser Wahrheit sei. Den Erklärungen des Mahabharata zufolge ist die Berührung mit diesem Universum ebenso vorübergehend wie die Berührung eines Holzstammes mit dem Wasser des fließenden Stromes, in dem er schwimmt. Deshalb lautet die Botschaft der alten Weisen an die Menschheit: »Ihr Kinder der Unsterblichkeit, erkennt euch selbst als das Unendliche. Werdet zum All. Das ist der höchste Segen.«

Das Leben ist kostbar, aber kurz. Der Zeitpunkt des Todes ist ungewiß. Das eigene Streben, das uns zum höchsten Ziel führen kann, wird als purushayata bezeichnet. Das Königreich des Friedens ist jenseits von Sprache und Denken. Es ist ein erfülltes Stadium spiritueller Errungenschaft, Zentrum, Ideal und Ziel des Menschen. Es ist vollkommene Bewußtheit des Selbst und das Ziel des Lebens: Selbstverwirklichung. Erfüllung und ewiger Friede können nur durch Erkenntnis des Selbst erreicht werden. Das Leben auf dieser Erde, in diesem Körper, ist lediglich eine Vorbereitung, sozusagen ein Schritt zum höheren Leben. Leben ist Gottesdienst. Der Mensch lebt, weil es Gott gibt. Er existiert in Gottes Sein, atmet und bewegt sich in Ihm. Sobald ein Mensch die Bedeutung dieser spirituellen Wahrheit verstanden hat und die Essenz dieser Erkenntnis zum Inhalt und Teil seiner täglichen Aufmerksamkeit gemacht hat, wird er zu Gott auf Erden.

Moksa oder Befreiung ist das summum bonum des Lebens und Erfüllung des Lebenszwecks. Für den, der moksa erlangt hat, existiert die Bindung an Leben und Tod nicht mehr - weder hier auf Erden noch auf anderen Planeten. Der wahre Sinn des Lebens ist die Verwirklichung dieser Freiheit. Erkenntnis der Identität der individuellen Seele mit der universalen Seele bedeutet Befreiung. Durch Aufhebung des individuellen Ego wird wahre Universalität erreicht. Der Mensch erlangt ewiges Leben, ein erfülltes Leben.

Jeder Mensch ist Herr seines eigenen Schicksals. Er kann irgend etwas oder alles tun. Prarabdha-Karma, ist unter seiner Kontrolle. Durch Gebrauch seines freien Willens kann er die höchste Verwirklichung erlangen. Es gibt nichts, was er nicht vollbringen könnte. Der Mensch beraubt sich jedoch selbst seiner Fähigkeiten, indem er die Macht seines wahren Selbst vergißt.

Das Lebensziel aller Wesen ist Glück, Friede, Zufriedenheit, Sicherheit, Wissen und Unsterblichkeit. Der Wunsch nach Vollkommenheit entspringt dem Selbst, dem Ebenbild Gottes im Menschen. Das vollkommene Ebenbild Gottes sucht sich durch jedes Einzelwesen auszudrücken. Der einzige Weg zur Erfüllung dieses vollkommenen Selbstausdrucks ist die Wiedervereinigung menschlich isolierten Bewußtseins mit dem Ozean des kosmischen Bewußtseins, mit Gott. Gurudev Paramahamsa Yoganandaji sagt: »Eine einzelne Welle, die sich aus dem Ozean erhebt, unterliegt den Gesetzen des Wandels. Sie wird geboren, existiert und vergeht. Aber wenn die Welle erkennt, daß sie nichts anderes als lediglich eine manifestierte Form des Ozeans ist, wenn sie begreift, daß der Ozean diese Welle und auch alle anderen Wellen ist, wenn die Welle weiß, daß sie der Ozean ist, dann weiß sie, daß, obwohl ihre Form sich verändern mag, sie niemals verlorengehen oder vernichtet werden kann.«

Ähnlich kann auch die individuelle Existenz des Menschen nur dann unsterblich werden, wenn die Unsterblichkeit Gottes erlangt wird. Menschliches Bewußtsein kann nur unvergänglich werden, wenn es sich im kosmischen Bewußtsein Gottes auflöst. Die Freude findet nur dann kein Ende und währt ewig, wenn sie mit der immer neuen Freude Gottes vereint ist. Selbstverwirklichung bedeutet, das eigene Selbst und seine Identität mit Brahman oder Gott zu erkennen. Dann geht man über Zeit, Raum und Kausalität hinaus. Dieser Zustand ist in Wirklichkeit die Wiedergewinnung des ursprünglichen Zustandes der Menschheit und keine neue Errungenschaft. Karma ist die Ursache der Bindungen, der Unvollkommenheit. Wünsche erzeugen Karma, und der Verstand erzeugt Wünsche. Nur wenn der Verstand mit dem kosmischen oder universalen Prinzip verschmilzt, werden die Wünsche zerstört. Indem ein Mensch wunschlos wird, kann er durch seine Handlungen nicht mehr gebunden werden. Er wird frei.

Die Essenz aller Religionen liegt in der persönlichen Erfahrung des Göttlichen, die durch sadhana möglich ist. Sadhana bezeichnet jede spirituelle Übung, die den Übenden dazu befähigt, Gott zu erkennen. Es ist das Mittel, mit dessen Hilfe man das Ziel des Lebens erreichen kann. Sadhana ist jedoch nur Mittel zum Zweck. Um das Ziel zu erreichen, ist Disziplin unabdingbare Voraussetzung. In der Religion beinhaltet sadhana alle religiösen Übungen und Zeremonien, die zum Erkennen spiritueller Wahrheiten führen. Sadhana ist praktisch angewandte Religion.

Um Gott lieben zu können, muß man Ihn durch eigene bewußte Erfahrung erkennen und nicht nur durch Bücher oder philosophische Betrachtungen von ihm hören. Nur so kann es wahre Liebe geben. Spirituelle Übung ist der Weg zu diesem Wissen. Durch Handlung entsteht Wissen, durch Wissen Liebe. Ohne unmittelbares Wissen gibt es keine wahre Liebe, nur Sentimentalität. Der sicherste Weg, Gott zu realisieren, wurde von den großen Meistern und Yogis erkannt und praktiziert. Ausschließlich durch Gebete kann und wird man keine spirituellen Wahrheiten erfahren. Wie ein Wissenschaftler muß man die eigenen Aktivitäten und Experimente sammeln und systematisieren. Der Unterschied ist, daß Wissenschaftler Naturgesetze anwenden, während man hier nach innen geht und sich den spirituellen Gesetzen widmet. Kriya Yoga ist die wissenschaftliche Methode, die wahrhaftig nach Gott Suchende zum Ziel führt.

Religion ist tief im Bewußtsein der Menschheit verankert. Körperliches und psychologisches Training sind notwendig, um den dem Körper innewohnenden Geist zur spirituellen Verwirklichung zu führen. Das Endliche entfaltet allmählich das Unendliche. Aber da das Unendliche eine vergängliche Form angenommen hat, ist dessen Entfaltung mit dem Wachstum und der Entwicklung des Körpers verknüpft. Allumfassende Entwicklung der körperlichen, mentalen, intellektuellen, moralischen und intuitiven Aspekte einer Person sind für die spirituelle Verwirklichung essentiell. Der Körper ist das Instrument, durch das sich die Lebenskraft ausdrückt. Für einen Menschen, der Verwirklichung anstrebt, ist Kontrolle über Körper und Verstand unverzichtbare Voraussetzung und ein unbezahlbarer Schatz, der in allen Lebenssituationen von Nutzen ist. Religion sollte daher den gesamten Menschen bilden und weiterentwickeln, seinen Kopf, sein Herz und seine Hände. Nur dann kann es Vollkommenheit geben. Es sollte eine gleichzeitige Entwicklung von Körper, Geist und Seele stattfinden.


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© Mit freundlicher Genehmigung:
Paramahamsa Hariharananda

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